Michael Scharang

 

Zum 70. Geburtstag von Hermann L. Gremliza

Über Wortspieler - sie tänzeln um das Wort herum und wissen, daß sie, forderten sie es zum Tanz auf, abgewiesen würden -, über Wortspieler stolpert man jeden Tag.

Wortkünstlern begegnet man Woche für Woche. Sie betrügen das Wort, mit dem es nie zu einem Verhältnis kommt, denn sie lieben das Wort nicht, sie kokettieren mit ihm.

Künstler des Worts findet man nur einen in einer Epoche. In dieser Epoche ist es Hermann L. Gremliza.

Der Künstler des Worts kennt nur eine Form: den Satz. Es gibt keine größere. Ob der Satz allein bleibt oder sich mit anderen zusammentut, zur Kolumne, zur Erzählung, zum Essay, zum Drama, zum Drehbuch, ist unerheblich.

Diese Einsicht kann sich auf wenige historische Beispiele stützen; radikal ausgesprochen und praktiziert wurde sie von Karl Kraus. Er proklamierte den Beginn der ästhetischen Moderne, darin ähnlich einigen Zeitgenossen, dem Architekten Adolf Loos, den Komponisten Schönberg, Webern und Berg.

Schriftstellerische Arbeit nach Kraus ist möglich, nicht aber in der Nachfolge von Kraus. Man kann in seinem Geist zu arbeiten versuchen, was bedeutet: mit Karl Kraus als mit einem Gegenwärtigen zu leben. Das ist, weil er nicht mehr lebt und sich gegen Zudringlichkeit nicht wehren kann, leicht - und gerade deshalb schwer, denn man muß sich jene Zudringlichkeit, die Kraus sich verbäte, verbieten. Andrerseits: Wenn kein Autor mehr ihn als gegenwärtig betrachtet, wird Kraus historisch.

Wie man heutzutage im Geist von Karl Kraus schreiben kann, zeigt Gremliza exemplarisch: vom Meister befeuert, geht Gremliza, ohne Kraus einen Augenblick lang zu vergessen, seinen Weg, der umso mehr seiner ist, als er ihn nie so bezeichnen würde. Im Unterschied zum Kraus-Forscher sitzt Gremliza nicht bewundernd und tatenlos an der Quelle, weshalb er nicht auf den Gedanken kommt, sie zu vergiften; wozu der Forscher neigt, wenn die Bewunderung in Wut umschlägt.

Kraus’ Erkenntnis, ebenso umstürzlerisch wie schwer eingängig: Sprache ist kein totes Mittel, dessen man sich bedient, um etwas mitzuteilen, sondern lebendig wie der Mensch, dessen sich zu bedienen daher heißt, sich in einem Gewaltakt über ihn und die Sprache zu stellen. Weder soll der Mensch sich die Sprache, noch die Sprache sich den Menschen gefügig machen.

In Herrschaftsverhältnissen findet jene Unterwerfung statt. Sprache dient der Gewalt, tritt jedoch, da sie nicht unmittelbar tötet, als Drohung auf. Die Drohung ist leer und zugleich gefährlich. Sprachliche Blödheit und blutiger Ernst bilden jene dialektische Einheit, welche Adorno veranlaßte, von Dialektik als einem Widerschein der Gewaltverhältnisse zu sprechen.

Für Gremliza ist es eine Lust, den sprachlichen Schwulst der leeren Drohung am Schopf zu packen, auf den Boden des Zitats zu stellen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Die Sprache des Journalismus und die der Politik - die Eigentümer der Welt, deren Ausdrucksform der Besitz ist, lassen reden und schreiben - sind Gremlizas Fundgrube, in der er nicht wühlen muß, in die er nur hineinzugreifen braucht, um das Delikt zu schnappen und vorzuführen.

Was man dann sieht, wirkt komisch. Anders als die grantige Erkenntnis, daß das Wesen der Dinge zwar erscheint, aber auch als Wesen erhalten bleibt, besteht die heitere Einsicht, daß das wesentliche Ding die herrschende Meinung ist, darin, dem maßlosen Schwachsinn Maß zu nehmen, indem man ihn zitiert. Das ist die Wurzel des Witzes, der allerdings, wenn er nicht wie bei Gremliza zum Zorn wird, als Humor verendet.

Dem breiten, trägen Strom von Lüge und Phrase, der die Welt mit geistigem Abwasser überflutet, könnte jeder jederzeit eine Probe entnehmen und an ihr demonstrieren, welches gesellschaftliche Verbrechen mittels Sprache angerichtet wird. Wagt es jemand tatsächlich, läuft er Gefahr, in dem Strom zu ertrinken.

Oder aber man versteht es wie Gremliza, eine Strömung gegen den Strom herzustellen, was voraussetzt, daß man wie Karl Kraus eine eigene Zeitschrift hat. Das allein genügt aber nicht. Unzählige verfügen über unzählige Zeitschriften, denn wo immer ein Grüppchen zusammensitzt und seine Meinung gegen die herrschende stellt, entsteht ein Blättchen der Meinungsmacherei.

Gremliza ist an Meinung nicht interessiert. Das ist die einzige Haltung, welche das Herausgeben einer Zeitschrift rechtfertigt.

Gremlizas Suche nach einem Urteil, das Meinung als Reklame durchschaut und sich zugleich scheut, als überzeitlich, als dogmatisch aufzutreten und so zur politischen Reklame zu werden, ist ein Grundzug seiner Texte. Kritik, die zwar als das wichtigste Wort zur Sache auftritt, nicht aber als das letzte, ist ironisch.

Unvergleichlich, wie Gremliza einen zum Lachen bringt, nachdem einem das Lachen bereits vergangen ist, und wie er einem dann das Lachen wieder vergällt. Er ist ein Aufklärer, dem es Spaß macht, sich über einen gesellschaftlichen Skandal, als wäre der ein Gesellschaftsskandal, so lange lustig zu machen, bis es ihm, dem Aufklärer, ernst wird.

Auf diese Art, leger und konzentriert, steuert Gremliza die Zeitschrift „Konkret“ durch Jahrzehnte, in denen mehr Konterrevolutionen siegreich waren als sonst in Jahrhunderten. Zu ihren Siegern erklären sich vorschnell die deutsche und die österreichische Bourgeoisie, weil sie, was Siege anlangt, enormen Nachholbedarf haben. Für eine linke Zeitschrift kein schlechter Boden, wäre nicht der Linksintellektuelle, typisches Produkt jeder Nachkriegszeit, kritisches Nebenprodukt jedes Wiederaufbaus, als überflüssig ausgemerzt worden.

Statt freier Autoren, die „Konkret“ nicht mehr zufliegen konnten, weil ihnen die Flügel gestutzt wurden, scharten sich um das Blatt versprengte 68er, Geschlagene einer Bewegung, die ein Angstschrei war angesichts der Zukunft, welche dieser Generation nach dem Wiederaufbau bevorstand. Nicht wenige der Maulhelden, die den Schrei nachäfften und als Parteiprogramm ausgaben, hätten „Konkret“ gern zum Parteiblatt gemacht.

Hermann L. Gremliza hat ein großes Herz. Er ließ die neuen Parteiführer so lange gewähren, bis auch die Leserschaft merkte, wohin die große linke Zeitschrift geführt werden sollte: auf den Weg durch die sprachliche Niederung in den Abgrund. Hätte Gremliza nicht auch eine strenge Hand, die Gesinnungssozialisten hätten ihm das Herz aus dem Leib gerissen und mit ihrem Herzblut die Phrase des Tages draufgeschrieben.

Also beschränkt Gremlizas Großherzigkeit sich darauf, in seiner Zeitschrift seine Texte zu publizieren, an die andere nicht herankommen; dennoch gibt es neben vielen abgewiesenen Autoren immer wieder einige glückliche, die zum Zug kommen.

Wie jeder Künstler des Worts ist Gremliza dem Verdacht ausgesetzt, seine sprachliche Brillanz sei Schein, im Fall Gremliza: der schöne Schein über einem häßlichen materialistischen Denken. Der Verdacht ist so alt, daß man ihm, ehe er stirbt, Glauben schenken sollte:

Eleganz und Witz, die Gremlizas Sprache auszuzeichnen scheinen, sind in Wirklichkeit seinem Denken eigen, wohingegen seine Sprache verletzend radikal ist. Dürfte man sie ein einziges Mal nachzuahmen versuchen, fiele der Versuch so aus: Der Schein ist nicht schön, das Schöne ist kein Schein, basta!


unveröffentlicht, Wien, November 2010